Samstag, 2. Juni 2007

Du und der Mond

Mein Gott, war das seltsam, dich zu sehen...Ein Freund eines Freundes stellte uns vor. „Ja, ich glaube, wir kennen uns“ sagtest du, mit einem apathischen Lächeln auf den Lippen, und einem dieser durchdringenden Blicke, wie sie früher schon durch deine mattblauen Augen drangen, wenn du etwas suchtest, dass dir vorerst verschlüsselt in deinem Gegenüber nur als Deut irgendwo hinter Spiegeln der Seele verschmitzt winkte. „Ja, wir kennen uns“, erwiderte ich, unsicher, und ohne recht zu wissen, was nun geschehen sollte. Der Dritte lachte, er war ein Studienkollege von wem? Ich wusste es nicht, du kanntest ihn wohl besser, war er dein Freund? War ich jemals dein Freund? Deine Blicke – wieder diese suchenden, sanften und doch so gefährlichen blauen Blitze – zuckten durch den Rückspiegel seines Autos – er gab sich als Alex aus und ich musste dem Glauben – und trafen mich an empfindlichen Stellen. Mein Herz wollten sie durchleuchten, und meine Gedanken suchten sie. Die Autofahrt schien endlos, Gesprächsstoff war nicht zu finden, nur immer wieder dieser Gedanke: „Wie war noch dein Name?“, und du dachtest, ich wäre traurig; hast es mir später erzählt – angetrunken, heiter vom Grillfleisch und der rötlichen Abendsonne, vielleicht auch von einem der Joints, die bei Grillgelagen dieser Art gelegentlich die Runde machten – meintest du immer wieder, es gäbe keinen Grund zur Trauer, es wäre doch nichts gewesen, dieses eine Wochenende war doch nichts, wiederholtest du, offensichtlich mit ehrlichem Schuldgefühl und der nostalgischen Sehnsucht einer längst vergangenen Zeit im Hinterkopf. Du dachtest tatsächlich, du hättest eine Narbe hinterlassen, auf meiner so ledrigen, verkerbten Haut der Liebeserinnerung, die nur den leichten Schutz eines T- Shirts mit der Aufschrift „Verdrängen und Vergessen“ zur Verteidigung hatte, für dich allerdings reichte dieses T-Shirt, du warst nur ein kleiner Fleck darauf, warst nicht genug für einen Schnitt, geschweige denn einer Narbe. Was wolltest du nur, immer wieder Blicke werfend, ein seltsames Lächeln andeteund, im mittlerweile silbrigen Samt des Mondes, der flache Wolken und den nebligen Dunst einer lauen Sommernacht in hellen Glanz verzauberte. Ich stand immer abseits, beobachtete, du warst das Herz der Gruppe, ich nur ein Bein, eine Extremität. Ich kannte die Leute nicht, wollte sie nicht kennen lernen, und du warst nur auf der Suche nach mir, konntest aber nichts finden, außer meiner Hülle.

Am Lagerfeuer neben mir hast du meine Hand genommen, ich hielt nur meine Zigarette. Unschuldig hob sich dein gesenkter Kopf zu meiner Schulter, deine Augen blinzelten verlegen in die Meinen. „Ob aus uns was geworden wäre?“, fragtest du, deinen Körper gegen mich drängend, eine Antwort erwartend. Ich schwieg. Dein Kopf glitt mehr und mehr aus seiner Senke, stand nun auf einer Höhe mit meinem Kopf, deine messerscharfen Augen starrten gebannt in meine abwesende Bläue; in deinen Pupillen erkannte ich Fragmente meines Gesichtes; war es deine Seele, in die ich zweifelnd äugte? Im Hintergrund grinste schelmisch der Mond zwischen Baumwipfeln hervor, wie das Lachen eines kleinen Kindes im Gitterbett grinste er hervor, als führte er etwas im Schilde; Und ich vertraute ihm nicht, er schien mir tatsächlich gefährlich zu sein an diesem Abend. Mein Blick traf nun wieder dich, hast du mich tatsächlich die ganze Zeit über angestarrt, in der ich empfindungslos über den Mond sinnierte, oder schien die Zeit länger zu sein, als sie war? Plötzlich durchdrang dich ein eigenartiges Zucken, als würdest du aus Gedanken erwachen, und dein Kopf näherte sich auf gefährliche Distanz; ich dachte, du wolltest mich küssen, dabei verschwanden deine sanften Lippen - machten kurz vor den Meinen einen Satz zur Seite - langsam im toten Winkel meiner Augen, und ich spürte deinen Atem im Nacken, sodass die Nackenhärchen gespannt zur Standing- Ovation übergingen, und die Haut sich im Gänsemarsch bewegte. Ob das mit uns jemals angefangen hat, flüstertest du mir ins Ohr, dabei berührte deine Nase sanft mein Ohrläppchen, und ob es so gesehen dann jemals hatte enden können? Dabei kraulte deine freie Hand sanft mein blondes Haar, dass im Mond beinahe silbrig schimmern musste. Ich befreite meine Hand aus deinem Griff – zurückhaltend, ganz langsam und sanft entschlüpfte ich deiner zarten Hand – erhob mich langsam, hielt deinen Kopf, und küsste sanft deine Stirn. Stehend sah ich dir nocheinmal in die Augen – sie wirkten so ehrlich, so treu, ich fand nichts in ihnen, das auf Lüge deuten hätte können– und ging, langsam den Kopf abwendend zum Waldrand, wo ich den Mond fragend anstarrte, dabei unsicher eine weitere Zigarette anmachte und die letzten Schlücke vom ohnehin schon warmem Bier austrank. Ich überlegte; Was wollte ich? Der Mond grinste immer noch gleich verschmitzt; ich warf die leere Bierdose nach ihm, da er mir mittlerweile auf die Nerven ging. Danach wandte ich mich ab; als ich die Gruppe beobachtete sah ich dich, wie du vergnügt mit dem Fahrer vom Nachmittag – wie war sein Name noch, Alex (?) – tanzend immer wieder seine Lippen auf deine prallten. Ich ging auf dich zu, dein Gesicht war abgewandt und auf Alex fokussiert; ich nahm dich sanft bei den Hüften, und flüsterte dir ins Ohr: „Woher wusste ich nur, dass das mit uns von dir ohnehin beendet würde, bevor es Zeit zum Anfangen gehabt hätte?“
Irgendwie war dein Blick traurig, als ich mich langsam von der tanzenden Gruppe verabschiedete. Über dir hatte der Mond sein Grinsen verloren. „Er hatte wie immer recht, der alte Beobachter“, dachte ich und musste lachen.

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