Freitag, 25. Januar 2008

Überzeugungen

Wenn Max Frisch in seinem "Homo Faber" von Gewissheiten, Überzeugungen quasi, schreibt, und wie schnell sich jene Gerüste im Kopf des Einzelnen, in Ungewissheiten verwandeln können, weiß Frisch natürlich längst, wovon er schreibt. Das Buch, als "Ein Bericht" verfasst, hat seine sprachliche Kompetenz in diesem Untertitel gefunden, ist poetisch nicht weiter wertvoll, gut lesbar wegen seiner frequenten Einfachheit; ein eschreckend berichtender Bericht, der sich keine Ausflüge in metaphorisches Schreibgeschick leistet, der nur anführt, was wissenswert ist.

Faber, der Protagonist, glaubt nicht an Zufälle. Er, als Techniker und Mathematiker, weiß über Wahrscheinlichkeiten, insofern also auch, dass Unwahrscheinliches eintreffen mag. Er sieht keinen Gott hinter den Zufällen, er sieht Zahlen dahinter. Nun erschüttern jenen Faber, der so unerschütterlich sein Leben führte, also wäre er selbst nur ein Automat, der auf gewisse Inputs adäquate Outputs liefert, Zufälle (Flugzeugabsturz, Schifffahrt, lernt seine eigene, bereits erwachsene Tochter kennen und lieben, etc), die ihn selbst Zweifeln lassen, ob denn wirklich nur Zufall hinter all dem sich verstecke.

Die Geschichte, nicht weiter spannend, hat keine Besonderheiten, hat mir deshalb auch nie sonderlich gefallen. Ein Buch, das jeder schreiben könnte, ging mir durch den Kopf, als ich es zum ersten Mal las. Aber, wie bereits gesagt, wusste Frisch natürlich, wovon er schreibt. Ich allerdings, ich wusste längst nicht, was ich eigentlich las. Ich verstand keine Bedeutung in Fabers Zweifel, sagte mir nur, dass doch jeder zweifelt, wenn er an Übernatürliches (Gott) denkt. Dabei ging es Frisch nie notwendigerweise um Gott, oder um Fragen, die nicht zu beantworten sind. Frisch ging es um die Überzeugungen, an die wir glauben. Um das wissen, an das wir glauben. Und um die Erschütterlichkeit dessen, das uns als Tatsache im Kopf nur so lange glaubwürdig bleibt, bis unsere Routine im Dasein - durch Zufall? - unterbrochen wird. Frisch stellt auf seine Weise klar, dass wir selbst an das, was bewiesen ist, nur glauben, bis uns dieses wissenschaftlich Bewiesene als Antwort nicht mehr reicht. Faber glaubt solange an seine mathematischen Wahrscheinlichkeiten, bis ihm die Zufälle nicht mehr zufällig einzutreffen scheinen.

So erhebe ich hier den Zweifel, die Erschütterlichkeit des Menschen, zu dem Hauptelement in Frischs Text. Und somit erlaube ich mir auch zu folgern, und diese Elemente auf alle Ebenen des menschlichen Lebens auszuweiten, erlaube mir zu behaupten: all unsere Überzeugungen gelten genau so lange, bis wir vom Gegenteil überzeugt sind. Und so leben wir, einmal an die Liebe glaubend, bis sie uns oft genug verletzt hat, einmal ein überzeugter Sozialist, bis wir genug Geld haben, um Kapitalist zu sein, um herauszufinden: Geld allein macht auch nicht glücklich. Also doch wieder Liebe? Frau und Kinder. Nein, doch wieder Freiheit- Scheidung.
Es verfolgt uns unser ganzes Leben: die Frage nach dem, was wir eigentlich (sein) wollen, der Zweifel an dem, was wir sind.

Und so werden wir sterben, entweder mit der letzten Überzeugung, auf die wir uns stützten, oder mit dem wissen, dass nichts Menschliches je dauerhaft sein wird.

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