Gedanken zur Statistik.
Statistisch betrachtet gewinnt im Eishockey die Mannschaft, die das erste Tor in einem Spiel macht, dieses mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,8. Die Chance, nach dem ersten Treffer als Sieger vom Platz zu gehen, beträgt dementsprechend 80%. Keine schlechte Zahl. Eigenartig nur, dass die Pittsburgh Penguins im Stanley-Cup Achtelfinale nur in einem Spiel nicht das erste Mal trafen, und gerade dieses gewonnen haben. Alle anderen Spiele eröffneten die Pinguine mit einem Treffer zu ihren Gunsten, verloren aber anschließend. Nach 4:1 Spielen und 1:4 Ersttreffern waren die Philadelphia Flyers ihrem unmittelbaren Tabellennachbarn (Philley 5., Pittsburgh 4.) Haushoch überlegen - eine Überlegenheit, die angesichts der hachdünnen 2 Punkte Marke, die den 4. vom 5. Platz unterscheidet (auf 82 Spiele gerechnet sollte das Kräfteverhältnis doch an sich etwas weniger deutlich auseinanderklaffen), kaum zu verstehen ist.
Noch viel unverständlicher ist aber, dass dieser Tage die Los Angeles Kings, die mit Ach und Krach überhaupt ins Playoff eingezogen sind (sie haben, wie man sagt, den letzten "Play-Off-Spot" geclinched), plötzlich einen Ligarekord aufstellen: keine Mannschaft in der Geschichte der NHL hat mehr Auswärtssiege in Folge in den Playoffs verzeichnen können, wie die Kings - 7 Spiele hintereinander ungeschlagen vor fremdem Publikum vom Eis zu gehen ist in jedem Fall eine Empfehlung für den Titel.
Auf der anderen Seite der so genannten States kämpfen - wo L.A. mit 3:1 Siegen gegen Phoenix so gut wie durch ist, zumindest laut Statistik - New York und New Jersey im Lokalderby um den Einzug ins Stanley-Cup Finale und auch hier fragt man sich nicht zu unrecht, woher zur Hölle eigentlich die Devils kommen. Die haben zwar eine gute Saison gespielt, aber so richtig auf der Rechnung haben wollte sie auch keiner - und auf einmal sind sie da: einen 45-jährigen Torhüter in der Kiste (unbestritten einer der Besten der Welt, aber trotzdem in keiner relevanten Statistik vorhanden, da zu viele Gegentore bei zu wenigen Schüssen), keinen Stürmer in den Punktbestenlisten (einzig Ilya Kovalchuk scheint mit 6 Treffern innerhalb der Top 5 Torschützen auf, was allerdings relativ ist, wenn man bedenkt, dass er 14 Spiele dafür gebraucht hat, wohingegen der Toptorschütze der Play-Offs kurioserweise nach wie vor Claude Giroux, seines Zeichens ein Philadelphia Flyer, ist, der mit 8 Treffern aus 10 Spielen zwar eine hervorragende Statistik vorzulegen hat, die aber dennoch das Aus der Flyers nicht verhindern konnte).
Man wechsle nun die Szenen. Nicht nur Übersee, sondern auch diesseits des großen Teiches sind die Menschen sportbegeistert. Während Eishockey in Amerika nicht die ganz große Nummer ist - an Football und Baseball führt kein Weg vorbei - , hat der Europäer vergangenes Wochenende die höchste sportliche Weihe erhalten: der Leib Christi ein Lederball, der Wein aus Isostarflaschen und das Kruzifix nur ein halbes, ein Eckgestänge nämlich, in das es rein zu treffen gilt. Gerade das aber gelang dem so genannten Stern des Südens nicht. Das erzkatholische Bayern hätte, statistisch betrachtet, gar nicht verlieren können. Umgekehrt hat der FC Chelsea das Unmögliche wahr gemacht: Didier Drogba trifft aus der einzigen Chance Chelseas ebenso kaltschnäuzig wie trocken, während die Bayern an diesem Tag sogar unters Tor geschossen hätten, wenn dies die Physik zugelassen hätte.
Am Ende des Spiels hat sich dann auch die statistische Wahrheit verabschieden müssen, die da sagt, dass beim Elfern immer die Deutschen gewinnen. Didier Drogba ist es abermals, der seelenruhig Neuer verlädt - wie ein Vater das mit seinem Sohn macht, wenn er mit ihm spielen will, aber zeitgleich doch den Beweis erbringen möchte, Herr im Haus zu sein.
Und ganz am Ende - so richtig vorbei ist so ein Spiel ja überhaupt nie oder erst, wenn das Nächste kommt - lamentieren sie dann, die Würdenträger: der (Fussball)Kaiser im säkularen Bayern meint, so etwas noch nicht gesehen zu haben (und bleibt dabei, wenn man so will, Realist), der Ökonom (den Ulli Hoeneß interessiert ja nicht nur die Anzahl der Tore, sondern auch der verkauften Eintrittskarten) sieht die Bilanzen und ist unglaublich enttäuscht, zugleich aber nach vorne blickend. Der große Rest von Fußballdeutschland aber, der Proletarier sozusagen, der wirft die Hände gen Himmel und erklärt den Fussballgott für tot. Aber gestorben sind schon ganz andere Götter und eines ist auch klar:
wenn der Fussballgott sich auf eine statistische Größe reduzieren ließe, die da sagt "wer so und so oft hinschießt und so und so viele Ecken tritt, der wird irgendwann gewinnen", dann wäre das kein anbetungswürdiger Gott. Nietzsche wusste ja nicht nur, dass Gott tot ist, sondern dass man vom moralischen einen ästhetischen Gott unterscheiden muss: das Gute, das Richtige und das Gerechte - das war immer schon mindestens so notwendig, wie es langweilig war. Und vielleicht hat bei Chelsea ja ein ästhetischer Gott zugeschaut oder, vielleicht ist der Fussball- oder Sportgott ja tatsächlich ein Ästhet, und kein Moralist: und dann kann er auf lamentierende Kaiser ebenso wenig Rücksicht nehmen, wie auf unglückliche Pinguine. Dort wie da verliert am Ende der verdient, der verliert, und zwar weil er verloren hat.
Alles andere ist Statistik - und für die hat sich noch keiner stundenlang vor den Bildschirm gesessen, wenn er nicht musste.
Noch viel unverständlicher ist aber, dass dieser Tage die Los Angeles Kings, die mit Ach und Krach überhaupt ins Playoff eingezogen sind (sie haben, wie man sagt, den letzten "Play-Off-Spot" geclinched), plötzlich einen Ligarekord aufstellen: keine Mannschaft in der Geschichte der NHL hat mehr Auswärtssiege in Folge in den Playoffs verzeichnen können, wie die Kings - 7 Spiele hintereinander ungeschlagen vor fremdem Publikum vom Eis zu gehen ist in jedem Fall eine Empfehlung für den Titel.
Auf der anderen Seite der so genannten States kämpfen - wo L.A. mit 3:1 Siegen gegen Phoenix so gut wie durch ist, zumindest laut Statistik - New York und New Jersey im Lokalderby um den Einzug ins Stanley-Cup Finale und auch hier fragt man sich nicht zu unrecht, woher zur Hölle eigentlich die Devils kommen. Die haben zwar eine gute Saison gespielt, aber so richtig auf der Rechnung haben wollte sie auch keiner - und auf einmal sind sie da: einen 45-jährigen Torhüter in der Kiste (unbestritten einer der Besten der Welt, aber trotzdem in keiner relevanten Statistik vorhanden, da zu viele Gegentore bei zu wenigen Schüssen), keinen Stürmer in den Punktbestenlisten (einzig Ilya Kovalchuk scheint mit 6 Treffern innerhalb der Top 5 Torschützen auf, was allerdings relativ ist, wenn man bedenkt, dass er 14 Spiele dafür gebraucht hat, wohingegen der Toptorschütze der Play-Offs kurioserweise nach wie vor Claude Giroux, seines Zeichens ein Philadelphia Flyer, ist, der mit 8 Treffern aus 10 Spielen zwar eine hervorragende Statistik vorzulegen hat, die aber dennoch das Aus der Flyers nicht verhindern konnte).
Man wechsle nun die Szenen. Nicht nur Übersee, sondern auch diesseits des großen Teiches sind die Menschen sportbegeistert. Während Eishockey in Amerika nicht die ganz große Nummer ist - an Football und Baseball führt kein Weg vorbei - , hat der Europäer vergangenes Wochenende die höchste sportliche Weihe erhalten: der Leib Christi ein Lederball, der Wein aus Isostarflaschen und das Kruzifix nur ein halbes, ein Eckgestänge nämlich, in das es rein zu treffen gilt. Gerade das aber gelang dem so genannten Stern des Südens nicht. Das erzkatholische Bayern hätte, statistisch betrachtet, gar nicht verlieren können. Umgekehrt hat der FC Chelsea das Unmögliche wahr gemacht: Didier Drogba trifft aus der einzigen Chance Chelseas ebenso kaltschnäuzig wie trocken, während die Bayern an diesem Tag sogar unters Tor geschossen hätten, wenn dies die Physik zugelassen hätte.
Am Ende des Spiels hat sich dann auch die statistische Wahrheit verabschieden müssen, die da sagt, dass beim Elfern immer die Deutschen gewinnen. Didier Drogba ist es abermals, der seelenruhig Neuer verlädt - wie ein Vater das mit seinem Sohn macht, wenn er mit ihm spielen will, aber zeitgleich doch den Beweis erbringen möchte, Herr im Haus zu sein.
Und ganz am Ende - so richtig vorbei ist so ein Spiel ja überhaupt nie oder erst, wenn das Nächste kommt - lamentieren sie dann, die Würdenträger: der (Fussball)Kaiser im säkularen Bayern meint, so etwas noch nicht gesehen zu haben (und bleibt dabei, wenn man so will, Realist), der Ökonom (den Ulli Hoeneß interessiert ja nicht nur die Anzahl der Tore, sondern auch der verkauften Eintrittskarten) sieht die Bilanzen und ist unglaublich enttäuscht, zugleich aber nach vorne blickend. Der große Rest von Fußballdeutschland aber, der Proletarier sozusagen, der wirft die Hände gen Himmel und erklärt den Fussballgott für tot. Aber gestorben sind schon ganz andere Götter und eines ist auch klar:
wenn der Fussballgott sich auf eine statistische Größe reduzieren ließe, die da sagt "wer so und so oft hinschießt und so und so viele Ecken tritt, der wird irgendwann gewinnen", dann wäre das kein anbetungswürdiger Gott. Nietzsche wusste ja nicht nur, dass Gott tot ist, sondern dass man vom moralischen einen ästhetischen Gott unterscheiden muss: das Gute, das Richtige und das Gerechte - das war immer schon mindestens so notwendig, wie es langweilig war. Und vielleicht hat bei Chelsea ja ein ästhetischer Gott zugeschaut oder, vielleicht ist der Fussball- oder Sportgott ja tatsächlich ein Ästhet, und kein Moralist: und dann kann er auf lamentierende Kaiser ebenso wenig Rücksicht nehmen, wie auf unglückliche Pinguine. Dort wie da verliert am Ende der verdient, der verliert, und zwar weil er verloren hat.
Alles andere ist Statistik - und für die hat sich noch keiner stundenlang vor den Bildschirm gesessen, wenn er nicht musste.
ledsgo - 21. Mai, 13:39