Mittwoch, 6. Juni 2012

Wie der Wahnsinn wieder wirkt.

Kaum jemand hat es noch nicht mitbekommen, kaum jemand freut sich nicht darauf aber niemand weiß so recht, warum eigentlich: Österreich ist im EM-Fieber. Das ist verwunderlich aus mindestens drei Gründen: Österreich ist nicht dabei, Österreich soll nicht dabei sein und Österreich hat sich die Teilnahme an einem Großturnier seit der letzten richtigen Qualifikation - Frankreich 98 - auch nicht verdient. Trotzdem sind die Leute hierzulande gespannt und erfreut, dass endlich wieder Fussball auf höchstem Niveau gezeigt wird. Vielleicht relativiert dies auch die eingangs genannte Verwunderung darüber, dass sich die Österreicher auf die EM freuen wie kleine Kinder sich über einen Lutscher freuen, Tatsache ist nämlich, dass hierzulande kaum je betrachtenswertes fussballerisches Niveau erreicht wird und es insofern erfreulich ist, solches bewundern zu dürfen (eigentlich freut sich der Österreicher über die EM wie ein kleines Kind, dessen Bruder oder Schwester einen Lutscher bekommt - was in dieser Konstellation aber nur selten zur Freude führen wird und daher ein etwas hinkendes Analogon darstellt, aber wie betreiben hier nicht Literaturtheorie oder Rhetorik, sondern Fussballvorfreude, und da gelten bekanntlich ganz andere Regeln).

Von der Zeit-Redaktion über den Hobbyblogger schreiben sie alle nur mehr über die am Freitag beginnende Euro. Das mag einfallslos und einseitig sein, aber das macht überhaupt nichts. Auch die nächsten Wochen werden einfallslos und einseitig, und trotzdem freuen wir uns darauf. Überhaupt fällt eine Last von den Schultern zumindest der Männer und auch einer immer größerer werdenden Frauenschar, die sich zusehends der Fussballbegeisterung hingibt: endlich ein paar Wochen ohne groß nachzudenken, was man machen soll, endlich ein paar Wochen mit qualitativer Unterhaltung - denn das ist Fussball selbst dann, wenn er schlecht ist wie die Zuschauerzahlen der österreichischen Bundesliga beweisen. Die Frage, was mit sich anzufangen sei, stellt sich nicht, weil von 17 Uhr weg Fussball läuft. Das scheint überhaupt das große Geheimnis des Erfolges dieser Sportart zu sein: ihre Konsensfähigkeit. Fussballschauen geht alleine und ist mit größter Wahrscheinlichkeit besser als das übrige Fernsehprogramm, selbst dann noch, wenn nichts anderes läuft als Alemannia Aachen gegen die Sportvereinigung Greuter Fürth (was vielleicht vom Niveau her noch über der hiesigen Bundesliga einzuschätzen ist, dann aber angesichts der eigenartig fremd anmutenden Orte, die sich da gegenüberstehen, kaum mehr Relevanz für den Österreicher hat). Fussballschauen geht aber noch besser mit ein paar Freunden und am Besten geht es mit ein paar Freunden und ein paar Bieren (wenngleich man zum Biertrinken weder Freunde noch Fussball braucht, steigert doch beides merklich den Genuss desselben). Und dann kann das Spiel meinethalben ein schwaches sein - man muss ja nicht ständig hinschauen, sondern kann sich nicht nur über die Schlechtheit des Spiels oder einzelner Spieler beklagen, sondern auch rundherum besprechen, was einem in den Sinn kommt.

Oder aber - und das bleibt doch zu hoffen - man bekommt ein Spiel zu sehen, dass einen verstummen lässt, eines jener Spiele, von denen man in zwanzig Jahren noch schreiben wird und von denen die Jungen sich dann ob ihrer Jugend ärgern, weil sie es verpassen mussten. Und auch dann ist man froh, ein solches Spiel mit Freunden geteilt zu haben. Und deshalb darf Fussball letztlich sowohl einfallslos als auch einseitig sein: man kann damit nichts falsch machen, hat aber im Optimalfall alles richtig gemacht. So, wie wenn bei Spielen zu den Bayern - oder bei der EM den Deutschen - geholfen wird: einerseits kann ihnen nämlich so der zustehende Respekt, den der kleine dem großen Bruder - sofern man das in Österreich über die Beziehung sagen darf - nur allzu selten gönnt, zugesprochen werden, denn klar ist, dass die deutsche Mannschaft zur Zeit neben den Spaniern wohl die Stärkste ist und der Fussball, den sie bietet, darüber hinaus gut anzusehen (zumindest bei den letzten Großevents). Man kann ihnen diesen auf reinem Respekt und Anerkennung basierenden Zuspruch heutzutage gefahrlos zukommen lassen, selbst als Österreicher - ein bloß anti-deutscher Gestus wäre schlichtweg eine Boykottierung des Sports, den diese Mannschaft zur zeit wie weltweit nur 3,4 andere beherrscht, selbst. Andererseits aber erlaubt diese Anerkennung eine heimtückische Missgunst, die dem Österreich ohnehin nicht fremd sein dürfte: wenn nämlich, wie die Bayern in der Champions Legaue die Deutschen bei der EM mehr als unverdient verlieren sollten, kann man sich umso mehr freuen, dass ihnen ihr Können nichts eingebracht hat. Und dann war das vielleicht unfair, ungerecht oder unerhört, dafür aber umso geiler.

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