"Von früher Kindheit an sah er beinahe täglich, wie Genfer Bürger dafür kämpften, dass die republikanische Verfassung, also der Volkswille, nicht zu einem Stück Papier verkommt". Rosseau wird 300.
Jean Jaques Rosseaus Rezeptionsgeschichte dürfte ungefähr so durchwachsen sein wie sein Lebensweg. Wie seine Texte wanderte auch Rosseau selbst jahrzehntelang durch die Länder Europas. Damit durchwanderte er - ebenso wie seine Texte, deren Zeitlosigkeit obendrein dafür sorgen, dass sie nicht nur jahrzehnte-, sondern jahrhundertelang durch die Welt kursierten und kursieren - nicht nur Raum, Geographie, Land- und Stadtschaft, sondern auch Gesellschaften, Politiken, Ideologien und Gesinnungen. Selbiges lässt sich auch von seinen Texten behaupten: vom Helden der französischen Revolution, vom Stifter eines Freiheits- und Volkswillens, vom Demokraten der Masse bis hin zum Totalitaristen ist Rosseaus Schreiben die ganze Palette des politischen Spektrums unterstellt worden, und sie wird ihm bzw. seinem Schaffen noch heute unterstellt.
Freilich: wer die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ernst nimmt - und wer, außer der, der sie nicht kennt, könnte das nicht tun? - der wird sich bei Begriffen wie dem des volonte generale, dem Volks- oder Gemeinwillen, nicht ganz wohl fühlen. Überhaupt ist durch die Totalitarismen eine nicht unberechtigte Angst vor allem Über-Individuellen in den Politikdiskurs geraten. Deshalb versteift sich auch eine so genannte zeitgenössische Debatte über "das Politische" auf den Begriff der Freiheit. Im Zentrum jeder Politik - zumindest jeder demokratischen - steht heute die liberale Freiheitsidee. Vom gendering bis zur Gleichberechtigung ist das Ziel die maximale Freiheit des einzelnen, die autonome Selbstbestimmung: im Rahmen seiner staatlichen Begrenzung der Freiheit tun und lassen zu können, was frau will.
Allerdings wird in dem Fokus auf diese Selbstbestimmung, wie es scheint, die Wurzel der Demokratie, nämlich die Mitbestimmung und damit jener Begriff, für den sich Rosseau so radikal eingesetzt hat, zusehends aus dem Diskurs geblendet. So besitzt der Einzelne heute mehr Freiheitsräume denn je, gewiss. Aber welches Tun ihm konkret freisteht, entscheidet er immer seltener selbst. Die Ur-Idee Rosseaus, in der der Volkswille kein abstraktes Prinzip, sondern aus direkter Volkswahl, hervorgeht, scheint vergessen. Dabei ist selbstverständlich das moderne Europa nicht mit dem Genf Rosseaus vergleichbar und müsste das System direkter Demokratie in einer Massengesellschaft der Moderne wohl schon aufgrund praktischer Undurchführbarkeit ad acta gelegt werden oder zumindest nur begrenzt zu verwirklichen sein. Das kann aber nicht über die Tatsache disponieren, dass die Freiheit, die wir genießen, zunehmend eine oktroyierte ist. Denn während frau machen kann, was sie will, muss sie wollen, was sie soll. Und was der Einzelne soll, entscheidet nicht mehr der demokratische Diskurs, sondern die Repräsentation einer Repräsentation einer Repräsentation. So entsendet jedes Land seine Abgeordneten - Repräsentanten des Volkswillen, gewiss - ins Europaparlament, wo sie dann repräsentativ für die geeinte EU stehen. Dazu treten dann Repräsentanten der Ideen und Ziele der Gemeinschaft, die Verfechter der Verträge: der europäische Rat und der Ministerrat der EU. Und dabei ist nicht zu vergessen, dass auch die Grundideen Europas kein Ergebnis demokratischer Gestaltung darstellen, sondern vielmehr einer politisch-wirtschaftlichen Notwendigkeit verstärkter europäischer Kooperation zunächst in marktpolitischer Hinsicht entsprungen ist. Die Öffnung des Binnenmarktes, die Freizügigkeit der Arbeitnehmer, die Waren- und Kapitalsfreiheit: das sind nicht jene verfassungsrechtlichen Grundpfeiler, für die Rosseau, Locke oder Kant einmal eingetreten sind, um den Bürger aus seiner Unterdrückung zu entlassen und es sind sicher nicht jene Grundfreiheiten, die den "kleinen Mann", den Bürger von heute also, interessieren.
Wie dem auch sei: mit dieser europäischen Art Politik zu betreiben ist der Entscheidungsprozess ein höchst abstrakter, ein höchst allgemeiner und als solcher ein Prozess, der einer totalitären Besserwisserei vom guten Leben, das nicht der Einzelne selbst, sondern der Staat für den Einzelnen zurechtschneidet, nicht unähnlich sieht. Während nämlich die europäische Repräsentanzdemokratie genau weiß, was für seine Bürger richtig ist, werden diese herzlich selten gefragt: die "Gebote der Klugheit", beispielsweise jene, auf sich selbst zu achten, nicht zu viel zu rauchen, zu essen oder zu trinken, ausreichend Sport zu betreiben, Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht zu überschreiten oder aber auch die Einführung von Helmpflichten, die Diskussion von der Nummerntafel fürs Rad sind freilich keine Ideen, die einem demokratischen Volks-, sondern einem totalitären Ordnungswillen entspringen. Daneben finden sich Aufzeichnungen über Telefondaten, Internetdaten und auch sonst wird jede Kleinigkeit, die irgendwann einmal irgendjemand gemacht hat, irgendwo aufzufinden sein. Während dort in Wien Kameras hängen, wo nicht Polizisten für Recht und Ordnung sorgen, gibt es in England täglich soviel aufgezeichnetes Filmmaterial, dass dieses - selbst wenn die Gesamtbevölkerung nichts anderes täte, als diese Filme anzusehen - gar nicht mehr angesehen werden kann.
Wenn aber neben technischer Überwachung des Bürgers solche Gebote des Maßhaltens, die sich mindestens bis auf Aristoteles zurückführen lassen, keine Gebote der Ethik mehr sind, sondern in Gesetzesform gegossen werden, ist die Frage nach dem richtigen Leben eine Frage nicht des Einzelnen, sondern des Staates geworden. Dass aber der Staat- oder in diesem Fall die Union - ein Patentrezept 'Leben' auf eine Bevölkerungszahl von 500 Millionen Einzelmenschen anwendet und allen Ernstes glaubt, diesen damit gerecht werden zu können, ist, gelinde gesprochen, anmaßend.
Allein dieser Umstand stimmt bedenklich, allerdings könnte er freilich im Genf Rossaues immerhin eine Rechtfertigung im Volkswillen finden: dieser hätte zwar eine problematische Schlagseite - nämlich die der Unterdrückung der Minderheit. Noch problematischer allerdings scheint eine Praxis, die weder vor der Masse, noch vor der Minderheit durch die Mitbestimmung derselben zu rechtfertigen ist.
Dabei scheint die Rosseau-Interpreten von heute allerdings der nicht-totalitäre, sondern der radikal-demokratische Rosseau wieder mehr in den Sinn zu rücken, während zur Nachkriegszeit und den Schreckenserfahrungen der totalitären Regimes weltweit ein liberaler Rosseau undenkbar schien. Wie der Autor selbst ist eben auch der Interpret nicht unabhängig von Zeit und Raum, vom persönlichen Standpunkt - wie der Autor selbst ist auch der Interpret doppelt örtlich gebunden: sowohl sein Ort im geschichtlichen Raum (also jener, der sich über die Geschichte eines Landes konkretisieren lässt), als auch der im gesellschaftlichen, engen Blickwinkel und Perspektive ein:
So wird dem griechischen Rosseau-Leser, der sich von europäischer Politik zusehends unterdrückt fühlt, der demokratische Rosseau eher ins Auge fallen als dem selbstgerechten Deutschen, der sich der Meinung hingibt, alles richtig zu machen - der Maßstab freilich ist, wie immer, die Wirtschaft - und deshalb diese Richtigkeit über die Grenzen hinaus in den Euroraum exportieren zu müssen (und der Deutsche ist ein hervorranger Exportteur, wie der Österreicher, der sich immerschon gerne von ihm beliefern ließ, wissen muss). Ja, was interessiert den reichen Mitteleuropäer aus Deutschland oder Österreich die Mitbestimmung Griechenlands? Was interessiert uns auch das Land Griechenland selbst? Außer der griechischen Antike weiß man von diesem Griechenland so wenig, wie von Tschibuti: Oliven, Öl, Tzatziki und Urlaub, das ist das Griechenland des Österreichers. Wie aber dieses Land funktioniert, welche Geschichte es nach Aristoteles eingeschlagen hat und wie es in Vergangenheit zu Rande kam, interessiert nicht. Was an Griechenland interessiert ist, dass die Zahlen nicht stimmen, und das der Grieche nun - nachdem er es jahrelang verabsäumt hat - funktionieren muss, und zwar so, wie das der Euro will.
Genau gegen ein solches Leben, gegen ein solches Diktat von der Obrigkeit, hat der Demokrat Rosseau mit seinem volonte generale angekämpft. Genau diesem volonte generale ist aber schließlich das paradoxe Schicksal zu teil geworden, selbst in den Totalitarismus abzurutschen - dann nämlich, wenn der volonte generale nicht mehr als gelebte Demokratie, sondern als von der Obrigkeit postuliertes, abstraktes Prinzip zum Schlagwort für das richtige Leben zu werden droht, wenn also der Gemeinwille nicht so, wie er ist, sondern so, wie er sein sollte, zur Anwendung kam und kommt. Auch in Griechenland wird längst nicht mehr die Stimme des Volkes, sondern die Europas gehört und genau diese Taubheit, nicht aber die Unbereitschaft, etwas zu leisten ist es letztlich auch, was die Menschen auf die Straße treibt. Vor Brüssel aber kann der Grieche nicht demonstrieren. Genf ist eben nicht Europa.
Rosseau jedenfalls wird es, mittlerweile, Einerlei sein. Sähe er das moderne Europa, so wäre er wohl nur mäßig erfreut. Sähe er die Geschichte dieses Europa, die zu nicht geringen Teilen im Rückgriff auf seine Ideen geschrieben wurde, wäre er wohl ebenso unerfreut. Nicht zuletzt würde er vielleicht sagen, er habe es anders gemeint, man habe ihn falsch verstanden - letztlich habe er es gut gemeint. Und das ist gewiß richtig: wie man in der französischen Revolution darauf vergessen hat, dass auch diejenigen, deren Hals in der Guillotine steckt, Teil des Volkes sind, scheint man heute diese europäischen Völker selbst zu vergessen. Fakt ist aber, dass das Gut-Gemeinte, das auch die europäische Politik herumtreibt, schon oft zum Schlechten geführt hat.
Letztlich ist nämlich auf einer größeren Ebene dieses Gute, dieses Richtige nicht vielmehr als ein abstrakter Begriff, der sich einer Berwertung ex ante versperrt. Ob die Rettung Griechenlands überhaupt diktiert werden kann, ist fraglich, weil unklar ist, ob eine solche Rettung überhaupt möglich ist. Dass sie undemokratisch ist, liegt auf der Hand. Dass ein Volk auch seinen eigenen Untergang wollen darf - sofern es denn ein solcher wäre, wenn man dem Ruf der Griechen aus dem Euro nachgäbe - ist Wohl ein demokratische Denknotwenidgkeit: "Lieber stehend sterben, als knieend leben" hat das im spanischen Arbeiterkampf noch geheißen - und auch Spanien steht, ähnlich wie den Griechen, das Knien bevor.
Aber nicht nur auf einer gesamteuropäischen Ebene sind die Vorgänge der jüngsten Geschichte aus demokratischer Sicht fragwürdig. Auch das individuelle Leben in weniger krisengebeutelten Regionen wie hierzulande ist von einer Politik getragen, mit der er sich nur schwer indentifizieren wird können. Und vielleicht sollte gerade deshalb vom übertriebenen Regulieren der Bürger abgesehen werden: denn auch für die Politik scheint zu gelten, dass weniger oft mehr, dass Maßhalten geboten ist: wer seinen Bürgern im Namen der Freiheit vorschreibt, was sie zu tun haben, tut ihnen damit vielleicht objektiv und abstrakt einen Gefallen. Aber ob damit dem menschlichen Naturell, das gewiss auch imperfekte Züge trägt, gerecht werden kann, bleibt fraglich. Und es ist auch fraglich, ob der Mensch zum richtigen Leben verdammt werden soll oder ob es nicht besser wäre, auch dem Laster seinen Raum zu lassen. Das Laster muss gesetzlich eingegrenzt werden, gewiss. Aber es darf nicht grundsätzlich verboten werden.
Freilich: wer die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ernst nimmt - und wer, außer der, der sie nicht kennt, könnte das nicht tun? - der wird sich bei Begriffen wie dem des volonte generale, dem Volks- oder Gemeinwillen, nicht ganz wohl fühlen. Überhaupt ist durch die Totalitarismen eine nicht unberechtigte Angst vor allem Über-Individuellen in den Politikdiskurs geraten. Deshalb versteift sich auch eine so genannte zeitgenössische Debatte über "das Politische" auf den Begriff der Freiheit. Im Zentrum jeder Politik - zumindest jeder demokratischen - steht heute die liberale Freiheitsidee. Vom gendering bis zur Gleichberechtigung ist das Ziel die maximale Freiheit des einzelnen, die autonome Selbstbestimmung: im Rahmen seiner staatlichen Begrenzung der Freiheit tun und lassen zu können, was frau will.
Allerdings wird in dem Fokus auf diese Selbstbestimmung, wie es scheint, die Wurzel der Demokratie, nämlich die Mitbestimmung und damit jener Begriff, für den sich Rosseau so radikal eingesetzt hat, zusehends aus dem Diskurs geblendet. So besitzt der Einzelne heute mehr Freiheitsräume denn je, gewiss. Aber welches Tun ihm konkret freisteht, entscheidet er immer seltener selbst. Die Ur-Idee Rosseaus, in der der Volkswille kein abstraktes Prinzip, sondern aus direkter Volkswahl, hervorgeht, scheint vergessen. Dabei ist selbstverständlich das moderne Europa nicht mit dem Genf Rosseaus vergleichbar und müsste das System direkter Demokratie in einer Massengesellschaft der Moderne wohl schon aufgrund praktischer Undurchführbarkeit ad acta gelegt werden oder zumindest nur begrenzt zu verwirklichen sein. Das kann aber nicht über die Tatsache disponieren, dass die Freiheit, die wir genießen, zunehmend eine oktroyierte ist. Denn während frau machen kann, was sie will, muss sie wollen, was sie soll. Und was der Einzelne soll, entscheidet nicht mehr der demokratische Diskurs, sondern die Repräsentation einer Repräsentation einer Repräsentation. So entsendet jedes Land seine Abgeordneten - Repräsentanten des Volkswillen, gewiss - ins Europaparlament, wo sie dann repräsentativ für die geeinte EU stehen. Dazu treten dann Repräsentanten der Ideen und Ziele der Gemeinschaft, die Verfechter der Verträge: der europäische Rat und der Ministerrat der EU. Und dabei ist nicht zu vergessen, dass auch die Grundideen Europas kein Ergebnis demokratischer Gestaltung darstellen, sondern vielmehr einer politisch-wirtschaftlichen Notwendigkeit verstärkter europäischer Kooperation zunächst in marktpolitischer Hinsicht entsprungen ist. Die Öffnung des Binnenmarktes, die Freizügigkeit der Arbeitnehmer, die Waren- und Kapitalsfreiheit: das sind nicht jene verfassungsrechtlichen Grundpfeiler, für die Rosseau, Locke oder Kant einmal eingetreten sind, um den Bürger aus seiner Unterdrückung zu entlassen und es sind sicher nicht jene Grundfreiheiten, die den "kleinen Mann", den Bürger von heute also, interessieren.
Wie dem auch sei: mit dieser europäischen Art Politik zu betreiben ist der Entscheidungsprozess ein höchst abstrakter, ein höchst allgemeiner und als solcher ein Prozess, der einer totalitären Besserwisserei vom guten Leben, das nicht der Einzelne selbst, sondern der Staat für den Einzelnen zurechtschneidet, nicht unähnlich sieht. Während nämlich die europäische Repräsentanzdemokratie genau weiß, was für seine Bürger richtig ist, werden diese herzlich selten gefragt: die "Gebote der Klugheit", beispielsweise jene, auf sich selbst zu achten, nicht zu viel zu rauchen, zu essen oder zu trinken, ausreichend Sport zu betreiben, Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht zu überschreiten oder aber auch die Einführung von Helmpflichten, die Diskussion von der Nummerntafel fürs Rad sind freilich keine Ideen, die einem demokratischen Volks-, sondern einem totalitären Ordnungswillen entspringen. Daneben finden sich Aufzeichnungen über Telefondaten, Internetdaten und auch sonst wird jede Kleinigkeit, die irgendwann einmal irgendjemand gemacht hat, irgendwo aufzufinden sein. Während dort in Wien Kameras hängen, wo nicht Polizisten für Recht und Ordnung sorgen, gibt es in England täglich soviel aufgezeichnetes Filmmaterial, dass dieses - selbst wenn die Gesamtbevölkerung nichts anderes täte, als diese Filme anzusehen - gar nicht mehr angesehen werden kann.
Wenn aber neben technischer Überwachung des Bürgers solche Gebote des Maßhaltens, die sich mindestens bis auf Aristoteles zurückführen lassen, keine Gebote der Ethik mehr sind, sondern in Gesetzesform gegossen werden, ist die Frage nach dem richtigen Leben eine Frage nicht des Einzelnen, sondern des Staates geworden. Dass aber der Staat- oder in diesem Fall die Union - ein Patentrezept 'Leben' auf eine Bevölkerungszahl von 500 Millionen Einzelmenschen anwendet und allen Ernstes glaubt, diesen damit gerecht werden zu können, ist, gelinde gesprochen, anmaßend.
Allein dieser Umstand stimmt bedenklich, allerdings könnte er freilich im Genf Rossaues immerhin eine Rechtfertigung im Volkswillen finden: dieser hätte zwar eine problematische Schlagseite - nämlich die der Unterdrückung der Minderheit. Noch problematischer allerdings scheint eine Praxis, die weder vor der Masse, noch vor der Minderheit durch die Mitbestimmung derselben zu rechtfertigen ist.
Dabei scheint die Rosseau-Interpreten von heute allerdings der nicht-totalitäre, sondern der radikal-demokratische Rosseau wieder mehr in den Sinn zu rücken, während zur Nachkriegszeit und den Schreckenserfahrungen der totalitären Regimes weltweit ein liberaler Rosseau undenkbar schien. Wie der Autor selbst ist eben auch der Interpret nicht unabhängig von Zeit und Raum, vom persönlichen Standpunkt - wie der Autor selbst ist auch der Interpret doppelt örtlich gebunden: sowohl sein Ort im geschichtlichen Raum (also jener, der sich über die Geschichte eines Landes konkretisieren lässt), als auch der im gesellschaftlichen, engen Blickwinkel und Perspektive ein:
So wird dem griechischen Rosseau-Leser, der sich von europäischer Politik zusehends unterdrückt fühlt, der demokratische Rosseau eher ins Auge fallen als dem selbstgerechten Deutschen, der sich der Meinung hingibt, alles richtig zu machen - der Maßstab freilich ist, wie immer, die Wirtschaft - und deshalb diese Richtigkeit über die Grenzen hinaus in den Euroraum exportieren zu müssen (und der Deutsche ist ein hervorranger Exportteur, wie der Österreicher, der sich immerschon gerne von ihm beliefern ließ, wissen muss). Ja, was interessiert den reichen Mitteleuropäer aus Deutschland oder Österreich die Mitbestimmung Griechenlands? Was interessiert uns auch das Land Griechenland selbst? Außer der griechischen Antike weiß man von diesem Griechenland so wenig, wie von Tschibuti: Oliven, Öl, Tzatziki und Urlaub, das ist das Griechenland des Österreichers. Wie aber dieses Land funktioniert, welche Geschichte es nach Aristoteles eingeschlagen hat und wie es in Vergangenheit zu Rande kam, interessiert nicht. Was an Griechenland interessiert ist, dass die Zahlen nicht stimmen, und das der Grieche nun - nachdem er es jahrelang verabsäumt hat - funktionieren muss, und zwar so, wie das der Euro will.
Genau gegen ein solches Leben, gegen ein solches Diktat von der Obrigkeit, hat der Demokrat Rosseau mit seinem volonte generale angekämpft. Genau diesem volonte generale ist aber schließlich das paradoxe Schicksal zu teil geworden, selbst in den Totalitarismus abzurutschen - dann nämlich, wenn der volonte generale nicht mehr als gelebte Demokratie, sondern als von der Obrigkeit postuliertes, abstraktes Prinzip zum Schlagwort für das richtige Leben zu werden droht, wenn also der Gemeinwille nicht so, wie er ist, sondern so, wie er sein sollte, zur Anwendung kam und kommt. Auch in Griechenland wird längst nicht mehr die Stimme des Volkes, sondern die Europas gehört und genau diese Taubheit, nicht aber die Unbereitschaft, etwas zu leisten ist es letztlich auch, was die Menschen auf die Straße treibt. Vor Brüssel aber kann der Grieche nicht demonstrieren. Genf ist eben nicht Europa.
Rosseau jedenfalls wird es, mittlerweile, Einerlei sein. Sähe er das moderne Europa, so wäre er wohl nur mäßig erfreut. Sähe er die Geschichte dieses Europa, die zu nicht geringen Teilen im Rückgriff auf seine Ideen geschrieben wurde, wäre er wohl ebenso unerfreut. Nicht zuletzt würde er vielleicht sagen, er habe es anders gemeint, man habe ihn falsch verstanden - letztlich habe er es gut gemeint. Und das ist gewiß richtig: wie man in der französischen Revolution darauf vergessen hat, dass auch diejenigen, deren Hals in der Guillotine steckt, Teil des Volkes sind, scheint man heute diese europäischen Völker selbst zu vergessen. Fakt ist aber, dass das Gut-Gemeinte, das auch die europäische Politik herumtreibt, schon oft zum Schlechten geführt hat.
Letztlich ist nämlich auf einer größeren Ebene dieses Gute, dieses Richtige nicht vielmehr als ein abstrakter Begriff, der sich einer Berwertung ex ante versperrt. Ob die Rettung Griechenlands überhaupt diktiert werden kann, ist fraglich, weil unklar ist, ob eine solche Rettung überhaupt möglich ist. Dass sie undemokratisch ist, liegt auf der Hand. Dass ein Volk auch seinen eigenen Untergang wollen darf - sofern es denn ein solcher wäre, wenn man dem Ruf der Griechen aus dem Euro nachgäbe - ist Wohl ein demokratische Denknotwenidgkeit: "Lieber stehend sterben, als knieend leben" hat das im spanischen Arbeiterkampf noch geheißen - und auch Spanien steht, ähnlich wie den Griechen, das Knien bevor.
Aber nicht nur auf einer gesamteuropäischen Ebene sind die Vorgänge der jüngsten Geschichte aus demokratischer Sicht fragwürdig. Auch das individuelle Leben in weniger krisengebeutelten Regionen wie hierzulande ist von einer Politik getragen, mit der er sich nur schwer indentifizieren wird können. Und vielleicht sollte gerade deshalb vom übertriebenen Regulieren der Bürger abgesehen werden: denn auch für die Politik scheint zu gelten, dass weniger oft mehr, dass Maßhalten geboten ist: wer seinen Bürgern im Namen der Freiheit vorschreibt, was sie zu tun haben, tut ihnen damit vielleicht objektiv und abstrakt einen Gefallen. Aber ob damit dem menschlichen Naturell, das gewiss auch imperfekte Züge trägt, gerecht werden kann, bleibt fraglich. Und es ist auch fraglich, ob der Mensch zum richtigen Leben verdammt werden soll oder ob es nicht besser wäre, auch dem Laster seinen Raum zu lassen. Das Laster muss gesetzlich eingegrenzt werden, gewiss. Aber es darf nicht grundsätzlich verboten werden.
ledsgo - 8. Jun, 14:18