Eine Rundschau.
Aus dem Radio singt mir ein Deutscher ins Ohr, er müsse nur noch schnell die Welt retten. Danach, so verspricht er mir, ist er wieder bei mir. Ich glaube nicht, dass er gerade mich anspricht, aber das lyrische Du, das er besingt, lässt auf jeden Fall Raum für diese Phantasie.
Insgeheim aber bin ich froh, dass der deutsche Weltretter nicht zu mir singt. Aber überhaupt und ganz allgemein scheint das Thema der Weltrettung zur Zeit in Mode. Während nämlich der Deutsche (sein Name übringes: Tim Bendzko - würde namentlich auch gut zwischen Toni Kroos und Mario Götze passen) von der Weltrettung singt, glauben andere, die Welt vor den Deutschen retten zu müssen, während die Deutschen wiederum glauben, Europa vor sich selbst retten zu müssen, was wiederum einer Weltrettung gleichkäme, weil doch ein Niedergang Europas die Weltwirtschaft mit in den Abgrund ziehe.
Jedenfalls meint ein sichtlich angefressener Barack Obama, dass die Rettung der westlichen Welt in den Händen Deutschlands liege. Deutschland müsse, wie Amerika 2008, endlich etwas Substanzielles gegen die Eurokrise tun. Das Amerikanische daran ist die Superlative: etwas "Echtes", das ist für Amerika immer nur etwas Großes. Es nütze nichts, den Euroraum strukturell oder politisch zu ändern: man solle einfach einen riesigen Haufen an Geld in die Märkte schmeissen. Donn wird's scho wieda wean, gö, denkt sich da der Weißbierbayer.
Die Amerikaner sind seit jeher ein freches Völkchen, die ihre Cowboynasen nur allzu gerne über große Teiche Richtung Ost und West in Angelegenheiten stecken, die sie, wenn überhaupt, nur mittelbar etwas angehen. Und darüber hinaus haben diese Amerikaner immer schon eine Affinität zum absolut Großen gehabt: so wie sie mit großen Schulden umgehen, nämlich durch das Anhäufen noch viel größerer Schulden, gingen sie auch schon im Krieg vor: auf große Verlustzahlen reagiert man mit noch mehr Soldaten, auf hohe Opferzahlen mit noch mehr Offensive - ob das nun der Vietnamkrieg ist oder Afghanistan, vom Rückzug oder vom Schritt zurück, vom "Weniger ist Mehr" haben die Amerikaner noch nie etwas gehört, oder haben sie schon einmal einen dicken Amerikaner gesehen, der nur eine kleine Cola trinkt? Nein - er nimmt sich die 2 Liter Cola-Light-Version.
Dagegen aber wehrt sich Frau Merkel vehement. Sie hat ihre eigene - urdeutsche - Problemlösung. Sie will das Problem der Eurostaaten an der Wurzel packen: weitere Schulden ja, aber nur wenn vorher eine Strukturreform vor allem in Südeuropa durchgeführt werde. Diese Lösung ist weniger pragmatisch als vielmehr systematisch - sie ist durchdacht, klug und auch wohl auch notwendig. Aber sie ist ebenso langsam und kompliziert. Jedenfalls steht dem amerikanischen Größenwahnsinn der deutsche Hang zum Systematisieren gegenüber - während drüben mit ein paar Eiern in der Hose Politik gemacht wird, versucht man hier die Probleme auf ihren Grund hin zu befragen, während drüben das Jetzt zählt, denkt man hier ans Übermorgen.
Es ist interessant, wenn bedacht wird, wie sehr sich hier die Geistesgeschichte wiederspiegelt, wie sehr hier der Deutsche - wenn mit solchen Klischees überhaupt gearbeitet werden darf - von der Erkenntnis, dem Imperativ des Richtigen und Wahren getrieben ist und wie sehr, auf der anderen Seite, der Amerikanismus von pragmatischen Zügen beflügelt wird. Hier steht Eigentlichkeit bloßem Funktionalismus gegenüber und es ist kein Zufall, das ersterer Begriff deutschen, zweiterer hingegen angelsächsischen Ursprungs ist.
Ob letztlich der Amerikaner die Deutschen und den Rest Europas vor sich selbst retten kann und der Deutsche jede praktikable Lösung zunichte denkt, oder aber vielleicht doch systematische Veränderung und zielgerichtete Intervention - alles im richtigen Ausmaß, nicht zu viel und nicht zu wenig, versteht sich - der richtige Weg ist, wird sich freilich erst herausstellen. Denn freilich braucht man beides: die Fähigkeit, schnell und pragmatisch zu reagieren und die Fähigkeit, nicht alles zu Tode zu denken ebenso, wie einen überlegten Zugang zur Problemlösung. Nur draufhauen, ohne jedes System, das ist halt dann zu wenig - wie auch die holländische Nationalelf beweist. Das war im Wesentlichen amerikanisch, was die zeigten: offensiv bis zum Tor stark, aber letzlich zu wenig Plan und zu viel Selbstvertrauen, zu viel "Wir machen das schon". Ein schnörkeliges und reichlich unkluges Spiel, gegen das die Deutschen mit ein paar einfachen Spielzügen relativ leicht obsiegen konnten. Aber so ist das eben auf der Welt: was richtig und was falsch ist, weiß man immer erst im Nachhinein.
Und bis dahin hört man Radio. Oder schaut Fußball. Das ist das Eigenartige, das Absurd-Banale an der Weltgeschichte: interessant ist sie immer erst retrospektiv. Ich glaube, im Kalten Krieg hat sich niemand für diesen interessiert, wie auch heute die Wirtschaftskrise an einem vorbeischwirrt, als wäre sie nichts echtes, sondern ein bloßes Artikelchen hier und ein Aufsätzchen dort. Aber in 50 Jahren wird im Schulbuch der Geschichte etwas davon stehen und man wird die Zeit, in der wir gerade jetzt leben durchforschen und sich fragen, wie die Menschen damals gelebt haben. Und dazu kann man nur sagen: stinknormal, irgendwo zwischen deutscher Korrektheit und amerikanischem Pragmatismus hat man und vegetiert man vor sich hin, wie eine Pflanze, die seine Umwelt zwar registriert, aber nicht wirklich auf sie reagiert, wie ein Ast, der ein bisschen mit dem Wind schwankt und sich der Sonne zuneigt, aber auch nicht alles fallen lässt, wenn es einmal regnet...
Insgeheim aber bin ich froh, dass der deutsche Weltretter nicht zu mir singt. Aber überhaupt und ganz allgemein scheint das Thema der Weltrettung zur Zeit in Mode. Während nämlich der Deutsche (sein Name übringes: Tim Bendzko - würde namentlich auch gut zwischen Toni Kroos und Mario Götze passen) von der Weltrettung singt, glauben andere, die Welt vor den Deutschen retten zu müssen, während die Deutschen wiederum glauben, Europa vor sich selbst retten zu müssen, was wiederum einer Weltrettung gleichkäme, weil doch ein Niedergang Europas die Weltwirtschaft mit in den Abgrund ziehe.
Jedenfalls meint ein sichtlich angefressener Barack Obama, dass die Rettung der westlichen Welt in den Händen Deutschlands liege. Deutschland müsse, wie Amerika 2008, endlich etwas Substanzielles gegen die Eurokrise tun. Das Amerikanische daran ist die Superlative: etwas "Echtes", das ist für Amerika immer nur etwas Großes. Es nütze nichts, den Euroraum strukturell oder politisch zu ändern: man solle einfach einen riesigen Haufen an Geld in die Märkte schmeissen. Donn wird's scho wieda wean, gö, denkt sich da der Weißbierbayer.
Die Amerikaner sind seit jeher ein freches Völkchen, die ihre Cowboynasen nur allzu gerne über große Teiche Richtung Ost und West in Angelegenheiten stecken, die sie, wenn überhaupt, nur mittelbar etwas angehen. Und darüber hinaus haben diese Amerikaner immer schon eine Affinität zum absolut Großen gehabt: so wie sie mit großen Schulden umgehen, nämlich durch das Anhäufen noch viel größerer Schulden, gingen sie auch schon im Krieg vor: auf große Verlustzahlen reagiert man mit noch mehr Soldaten, auf hohe Opferzahlen mit noch mehr Offensive - ob das nun der Vietnamkrieg ist oder Afghanistan, vom Rückzug oder vom Schritt zurück, vom "Weniger ist Mehr" haben die Amerikaner noch nie etwas gehört, oder haben sie schon einmal einen dicken Amerikaner gesehen, der nur eine kleine Cola trinkt? Nein - er nimmt sich die 2 Liter Cola-Light-Version.
Dagegen aber wehrt sich Frau Merkel vehement. Sie hat ihre eigene - urdeutsche - Problemlösung. Sie will das Problem der Eurostaaten an der Wurzel packen: weitere Schulden ja, aber nur wenn vorher eine Strukturreform vor allem in Südeuropa durchgeführt werde. Diese Lösung ist weniger pragmatisch als vielmehr systematisch - sie ist durchdacht, klug und auch wohl auch notwendig. Aber sie ist ebenso langsam und kompliziert. Jedenfalls steht dem amerikanischen Größenwahnsinn der deutsche Hang zum Systematisieren gegenüber - während drüben mit ein paar Eiern in der Hose Politik gemacht wird, versucht man hier die Probleme auf ihren Grund hin zu befragen, während drüben das Jetzt zählt, denkt man hier ans Übermorgen.
Es ist interessant, wenn bedacht wird, wie sehr sich hier die Geistesgeschichte wiederspiegelt, wie sehr hier der Deutsche - wenn mit solchen Klischees überhaupt gearbeitet werden darf - von der Erkenntnis, dem Imperativ des Richtigen und Wahren getrieben ist und wie sehr, auf der anderen Seite, der Amerikanismus von pragmatischen Zügen beflügelt wird. Hier steht Eigentlichkeit bloßem Funktionalismus gegenüber und es ist kein Zufall, das ersterer Begriff deutschen, zweiterer hingegen angelsächsischen Ursprungs ist.
Ob letztlich der Amerikaner die Deutschen und den Rest Europas vor sich selbst retten kann und der Deutsche jede praktikable Lösung zunichte denkt, oder aber vielleicht doch systematische Veränderung und zielgerichtete Intervention - alles im richtigen Ausmaß, nicht zu viel und nicht zu wenig, versteht sich - der richtige Weg ist, wird sich freilich erst herausstellen. Denn freilich braucht man beides: die Fähigkeit, schnell und pragmatisch zu reagieren und die Fähigkeit, nicht alles zu Tode zu denken ebenso, wie einen überlegten Zugang zur Problemlösung. Nur draufhauen, ohne jedes System, das ist halt dann zu wenig - wie auch die holländische Nationalelf beweist. Das war im Wesentlichen amerikanisch, was die zeigten: offensiv bis zum Tor stark, aber letzlich zu wenig Plan und zu viel Selbstvertrauen, zu viel "Wir machen das schon". Ein schnörkeliges und reichlich unkluges Spiel, gegen das die Deutschen mit ein paar einfachen Spielzügen relativ leicht obsiegen konnten. Aber so ist das eben auf der Welt: was richtig und was falsch ist, weiß man immer erst im Nachhinein.
Und bis dahin hört man Radio. Oder schaut Fußball. Das ist das Eigenartige, das Absurd-Banale an der Weltgeschichte: interessant ist sie immer erst retrospektiv. Ich glaube, im Kalten Krieg hat sich niemand für diesen interessiert, wie auch heute die Wirtschaftskrise an einem vorbeischwirrt, als wäre sie nichts echtes, sondern ein bloßes Artikelchen hier und ein Aufsätzchen dort. Aber in 50 Jahren wird im Schulbuch der Geschichte etwas davon stehen und man wird die Zeit, in der wir gerade jetzt leben durchforschen und sich fragen, wie die Menschen damals gelebt haben. Und dazu kann man nur sagen: stinknormal, irgendwo zwischen deutscher Korrektheit und amerikanischem Pragmatismus hat man und vegetiert man vor sich hin, wie eine Pflanze, die seine Umwelt zwar registriert, aber nicht wirklich auf sie reagiert, wie ein Ast, der ein bisschen mit dem Wind schwankt und sich der Sonne zuneigt, aber auch nicht alles fallen lässt, wenn es einmal regnet...
ledsgo - 15. Jun, 12:16