Samstag, 21. April 2012

The Explanatory Might Of Metaphor

What's purgatory?

It's like the in-betweeny stuff. You're not really shit, but you're not really good either.

Like Tottenham kind of, you know?

Mittwoch, 11. April 2012

...

Du siehst dich in deine Jugend gestellt
und bist nicht mehr jung.
Zu gut nur,nicht? dass wir nicht rechtzeitig begreifen
was Kürze ist.

Nichts banaler als das Ende einer Welt
nichts banaler als ein Mensch, der denkt.
Ein ganzes Leben lässt sich ach so leicht vergessen
Ein Abriss ohne Vorlage
Ein Rahmen ohne Bild
ist der Mensch.

Eine leere Hülle, aufgefüllt nur mit Gedanken
Das Wichtigste,sagst du,sei immer ich schon dir gewesen
und dann vergisst du mich
und hinter deinen blassblauen Augen zerinnen deine Gedanken, mit ihnen deine Welt
in einen Strudel der Demenz.

Wenn nichts mehr bleibt
bleibt noch die Sprache, schreiben die Dichter,
Aber sprechen magst und kannst du nicht.
Es bricht aus dir und sprudelt, aber sagen kannst du nichts.
Verschwundener war niemand noch
inmitten seiner Worte.
Und dennoch sinkst du nicht in ihre Welt
sondern stehst noch in der Meinen.

Ungestorben bist du dennoch fort
Verlassen bist du hier.
Verloren blickt aus deinem Kopf
ein leergeschautes Wesen.

Wann du gehen darfst, fragst du mich
weil du nicht weißt mehr, wer ich bin
nur all zu bald sag' ich
Anderswohin.

Donnerstag, 22. März 2012

Gedanken an Kant.

Ich sitze vor der Universität. Im so genannten Votivpark tummeln sich die ersten einsichtigen Studenten, solche nämlich, die schon beim zweiten Vorlesungstermin die Zwecklosigkeit ihrer Anwesenheit überzuckert haben und also - man sieht sie ja nur selten - die Sonne genießen. Auch solche, sage ich mir, werden darunter sein, die einfach faul und also von vornherein terminlos sind. Der Park aber vor der Universität ist einer, der zumindest in die Sphäre des Studentischen rührt und damit auch bevorzugt von solchen Studenten aufgesucht wird, die nicht die Frustration aus der Uni, sondern vielmehr die Faulheit nur bis vor die Uni treibt. Einerlei: kaum scheint die Sonne, treibt es den Menschen ins Freie. So auch mich, natürlich. Ich aber bin in akademischer Mission unterwegs, muss ich mir doch die Frage stellen, wie es zu einer Wahrnehmung kommen kann. Dazu muss zunächst aber einmal geklärt werden, was "die Wahrnehmung" überhaupt ist. Denn: wie soll jemand erklären, wie es zu einem Haus kommt, wenn dieser jemand gar nicht weiß, was ein Haus ist? Der Analogieschluss liegt auf der Hand.

In Erfüllung meiner Mission hat mich mein Auftraggeber - ein amerikanischer Gastprofessor, ein gewisser. Dr. Gaukler (gesprochen naturgemäß Goukler) - angewiesen, den ehrenwerter Bertrand Russell zu studieren. In meinem Liegestuhl in der Sonne sollte das dicke Russellbuch meine studentische Mission untermauern, denn freiwillig liest nun wirklich niemand Russell. Mag einer den Marx zum Vergnügen lesen, meinetwegen auch den Nietzsche. Aber den Russell hat noch keiner aus Spaß an der Freude aufgemacht, eher noch aus Spaß am Unglück oder der paradoxen Freude am Leid.
Unsere Wahrnehmungen sind laut Russell "Sensations" - Empfindungen - die uns durch "sense data" unmittelbar bewusst werden. Diese "sense data" werden in "Propositions" gewandelt, und unsere Gedanken sind schließlich nichts anderes als diese Propositionen. Vom Sinnesdatum,das unmittelbar bewusst ist, kommt also eine Empfindung in uns auf, die schließlich durch das Gehirn in eine Proposition - einen Aussagesatz wie "Es ist warm" - verwandelt wird. Und das ist nach Russell Wahrnehmung. Das auch Kant dies so sieht, beweist eine Fußnote.

Nun, sage ich mir: eine schöne Geschichte. Allerdings frage ich mich, woher zum Teufel der Bertrand das eigentlich wissen will - einmal ganz abgesehen davon, dass er es vom Kant weiß, denn auch den guten alten Kant könnte man ja fragen: Kant, woher zum Geier willst gerade DU wissen, was eine Wahrnehmung ist? Wenn nämlich so ein ingeniöser "Günstling der Natur" in ein Buch hineinschreibt, dass die Wahrnehmung eine Empfindung,von Sinnesdaten ausgelöst und in Propositionen transformiert ist, dann kann ich genauso behaupten, dass das ein Unsinn ist. Mir wird das freilich keiner glauben, ich bin ja auch kein Kant. Aber dass der Kant das weiß, was er weiß, das glaubt ihm jeder.
Aber könnte man nicht genauso gut sagen Die Wahrnehmung ist etwas, das von etwas ausgelöst und in etwas anderes transformiert wird? Freilich, man könnte, denn: was eine Empfindung, ein Sinnesdatum (gibt es ein einzelnes Sinnesdatum überhaupt? Kann man ernsthaft glauben, jemand habe gerade das Sinnesdatum "Kaktus", oder auch nur "grün" im Auge?), eine Proposition ist, ist ja mindestens so unklar wie die Wahrnehmung selbst.
Kritisch durchleuchten sollte man das, denke ich mir, so wie die Sonne meine Brille durchleuchtet, und mein T-Shirt. Langsam aber sicher trifft sie auf meine Netzhaut, immer fester, sodass ich die Augen zukneifen, letztlich ganz schließen muss. Einen Augenblick nur keine Blicke, einen Augenblick geschlossene Augen und schon werden zwei daraus und drei und das Ende jeder Wahrnehmung und auch keine Proposition lässt sich mehr fassen und schon sind Bilder im Kopf vorhanden vom letzten Frühling...

Mit hochrotem Kopf wache ich auf, weil die Sonne weg ist: wie ein Philosoph, der sich stundenlang die 3. Antynomie vergegenwärtigen muss und doch zu keinem Entschluss kommt sehe ich aus, vielleicht auch wie ein Wutbürger, der den Grasser aus der Straßenbahn erblickt: meine Kopfesröte aber ist im Vergleich zu den Genannten kein Resultat frustrierenden Denkens, sondern eines des gelassenen Sonnengenusses und nicht zu unrecht scheint die Philosophie der Antike auf diesen Müßiggang, der mit dem Philosophieren immer schon einherging, aufmerksam zu machen: wenn sie uns schon keine Lust bereitet, dann zumindest Schlaf - und wer schläft schon ruhiger und besser als jemand, der ein paar Seiten Kant oder Russell gelesen hat?

Donnerstag, 23. Februar 2012

Sternstunden der Wortlosigkeit

2 Freunde sitzen nebeneinander an der Bar. Vor ihnen Schnapsgläser. In ihnen Schnaps.

Der Rechts-Sitzende (R): "Geh, jetzt komm du mir nicht schon wieder mit deinem scheiß Zynismus, du linke Sau! Immer ist alles zynisch bei euch linken!"

Der Links-Sitzende (L): "Was hat denn das mit Politik zu tun, dass ich sag, dass das zynisch ist, wenn du da als Totengräber zum Fasching steigst?"

--trinken--

R: "Ja weil ihr Linken, ihr findets immer gleich alles zynisch, wenns nichts zu hundert Prozent pro Mensch ist. Hätt' ich als Kasperl kommen sollen, oder was?"

L: "Naja, aber du musst auch immer gleich alles abdüstern. Jetzt kommst heut zum Feiern als Tötengräber daher, sei mir nicht bös, aber lustig ist das nicht. Morbid ja, lustig nein!"

--trinken-

R: "Schau, es hat halt nicht jeder immer was zum Lachen. Kann ja nicht jeder als Glücksrittern daherreiten so wie du!"

L: "Geh bitte, ich bin doch kein Glücksritter, ich bin ein Sultan!"

R: "Siehst, du bist halt doch ein Gutmensch, ein Linker. Geht da auf solidarisch als Sultan. Das ist ja auch der Tod eines jeden Karnevals, wenn da die Sultäne daherkommen wie bei der Türkenbelagerung!"

L: "Sultane!"

R: "Wos?"

--trinken--

L: "Sultane heißt das, nicht Sultäne! Sollte so ein Germanophiler wie du schon wissen!"

R: "Was hat denn die Mehrzahl von Sultan mit Germanophilie zu tun? Im Gegenteil: das Wort ghört ja aus dem Wortschatz und die Mehrzahl davon und die ganzen KorAne sowieso, du Gscheidhaufen! Einzahl ging ja noch: ein Sultan mit einem Koran, aber die Mehrzahl, die ghört weg!"

--trinken--

L: "Mehrzahl von Koran gibts e nicht. Gibt ja e nur einen Koran. Das ist bei der Bibel ja anders, weil da gibts ja zwei so Testamente. Im Koran aber ned, jetzt gibts auch nur eine Einzahl."

R: "Geh hör doch auf. Wenn da 5 Kopien von dem einen Koran herumliegen, dann liegen zugleich 5 Korane herum!"

L: "Ja schon, aber es bleibt eben immer der Koran"

--trinken--

R: "So wie der Kant immer der Kant bleibt, egal wie oft seine Bücher neu aufglegt werden!"

L: "So ungefähr, nur war der Kant kein Prophet"

--trinken--

R: "HA! (Der Totengräber springt auf) Das kann auch nur ein Linker behaupten! (Murmelt:) Nur ein Linker kann das behaupten (trinkt alleine)"

L: "Also bitte. Ich hab mir diese grundlegenden Sitten der Metaphysik durchgelesen. Der Hund tut ja nur vorschreiben, der Kant! Und dann hält der sich für einen Freiheitsdenker."

--trinken--

R: "Immerhin schreibt der nur vor, wie wir sein müssen, damit wir uns nicht gegenseitig umbringen. Der Merx und der Angels und die ganze linke Bagage wollen gleich auch noch vorschreiben, wie wir alle gleich sein müssen. Dann müsst ich so ein depperter Sultan sein wie du und du so ein Totengräber wie ich. Das kannst ja auch ned ernsthaft wollen kannst das?"

L: "Ja was weiß ich. Aber a bisserl Solidarität hätt dem einsamen Kant a ned geschadet, glaub ich. A bisserl eine..."

--trinken--

R: "Du, solidarisch sind wir zwei aber schon, auch wenn wir uns ned immer einig sein können!"

L: "Immer sind wir uns solidarisch, immer!" (Umarmen sich und trinken den letzten Schluck aus der leeren Schnapsflasche gemeinsam aus.)

"Jetzt gemma Hasen schauen, weil ganz solidarisch sind wir ja dann auch ned!!"
(Grinsen verschmitzt und verschwinden in der Wortlosigkeit der Tanzfläche)

Dienstag, 3. Januar 2012

Morbides zur Weihnachtszeit

Dass die Weihnacht heutzutage zum Großereignis avanciert ist, muss nicht mehr argumentiert werden. Dass die Weihnacht nämlich längst nichts Besinnliches, wohl aber viel Bessinungsloses dazu gewonnen, ebenso vieles aber an Sinnlichem und tradierterweise Wertvollem verloren hat, ist ebenso offenkundig, wie es zu allgemeiner Kritik an Konsumwahnsinn und Einkaufsduselei angeregt hat. Dass all dieser Wahnsinn vielleicht auch seine positiven Seiten hat, dass damit vielleicht Abschied von all zu christlichen Wertvorstellungen prolongiert wird, ist freilich nicht im Sinne des Kritisierenden und damit nicht der Rede wert, denn – soviel muss dem Geschichtsbewusstsein in letzter Instanz doch abgerungen werden – eine gute Rede war immerschon die Anklage- und die Gedenkrede, nicht aber der Lobgesang.

Wie dem auch sei ist aber in den vergangenen Jahren die Mär vom Mehr, der Glaube an Kapitalismus und Fortschritt unter die eigenen Räder gekommen: seit der Kommunismus gefallen ist hat sich der Westen zunehmend selbst überholt und sich mit Schampus begossen, bis ihm die randvollen Blasen geplatzt sind. Der Ausfluss dieser offenen Blasen rinnt seither durch die Zeitungs- und Fernsehberichte – Pissoirs der Zeitgeschichte -, sodass schließlich auch den stumpfesten Kreaturen die Fäulnis in der Nase brennt. Zu rumoren beginnt es jetzt auch in den leersten Köpfen, selbst den gröbsten Zinken stinkt es mittlerweile.

Dennoch, so scheint es, glaubt der Mensch an nichts lieber, als an die Unbegrenztheit seiner Möglichkeiten. Während in Amerika „Christmas-Credits“ von Discountern vergeben werden, um die nunmehr verarmte Mittelschicht nach wie vor mit Geschenken zu überhäufen, fahren hierzulande halbverrückte Holländer mit völlig verrückten Russen Schi an Schi im Schneepflug die zerregnete „Trass“ hinunter, teilen sich die Jagatee-Fahne und den Grimm der Einheimischen, auch wenn sie sich sonst nicht viel zu sagen haben.

Und neben all dieser absurd-ironischen Konstellation von High-Life-Realität und apokalyptischer Zukunftsangst drängt sich doch gerade zur Weihnachtszeit und zum Neujahrestag nichts weniger auf als das existenzielle Bilanzieren, das Fragen nach Kosten und Nutzen des Lebens – es stellt sich die Frage nach Warum und Wozu des Strebens, der Zwang der persönlichen Abrechnung meldet sich im Hinterkopf. Da wird das Glückskonto nach grünen und roten Zahlen durchforstet und sich überlegt, was im nächsten Jahr besser werden muss, was nicht schlechter werden darf und vor allem, was in der Zukunft aus einem werden soll. Eines ist klar: nur selten sind solche Bilanzen klar in den grünen Zahlen und ebenso wie in der Wirtschaft gilt auch hier, dass ein Rückschritt, ein Minus, verboten ist. Weil sich aber die Leute doch immer wieder ein solches Minus eingestehen müssen – gerade zur finstersten und dunkelsten aller Jahreszeiten wird dann gerne der Stift weiter unten angesetzt, als eigentlich nötig – vermischt sich letzten Endes der Einheimischen-Grimm mit persönlichem Frust, wie sich der Neuschnee mit dem Kunstschnee und dem Regen zu einer Masse verbindet, die in ein paar Monaten die Urlauber wieder hinausgeschwemmt haben wird, wo sie einmal hereingekommen sind. Und gerade weil eben Weihnachts- und Winterdepression die Bilanzen zusätzlich belasten, schwemmen die Einheimischen letzten Endes doch mit den Urlaubern in jenes existenzielle Loch hinein, das sie selber sind, und füllen ihre innere Leere mit Stelzen, Schweinderln, Würsten und Vodka. Und dann scheint ihnen, vollgestopft mit kapitalistischen Leckereien, trotz negativer Bilanz jener Umkehrschwung möglich zu sein, der der Wirtschaft nicht mehr zugetraut wird – ja, selbst wenn alles den Schmittenbach hinunter geht, heißt das noch lange nicht, dass man diese Welle selber reiten muss: sollen doch die Anderen strampeln! Wie dem Raucher so hängt auch dem Weihnachtsmorbiden das ominöse „Mich wird’s schon nicht erwischen“ im vom Alkohol aufgeweichten Kopf.

Aber nicht jeder beherrscht die Kunst der Verdrängung so gut wie der Bergmensch oder der Raucher. Selbst wenn der Spagat zwischen Weltuntergangsdenken und Bauchübergangsleben vielen gelingt, so fordert doch die Weihnachtszeit alljährlich ihre Opfer und zeigt, dass dem Menschen psychologisch vieles, aber doch nicht alles zugemutet werden kann, und dass uns Menschen in realiter doch nicht alles möglich ist, kurz: dass die Möglichkeiten groß, aber nicht unbegrenzt sind. Niemandem dürfte dies klarer sein, als dem großen Kopf, in dem der Totengräber longiert, der auch heuer – wie jedes Jahr – bei der Weihnachtsmesse am Eingang des Bergfriedhofs mit kritischem Blick sein Werk begutachtet hat. Niemand wird genauer wissen, dass auch zur Weihnacht gestorben, dass gerade zur Weihnacht mit Vorliebe zum Freitod gegriffen wird und dass es kaum traurigere Ereignisse als eine Neujahrs-Beerdigung gibt.

Es klingt freilich zynisch, einem Totengräber Bodenständigkeit zu attestieren, die These aufzustellen, dieser sei, in landläufiger Sprache, „geerdet“. Und dennoch scheint mir kaum ein Bergmensch – auch wenn er gebürtiger Steirer ist – freier von negativen Gedanken zu sein, wie dieser Totengräber, der mir im Anschluss an die Weihnachtsmesse nicht weniger, aber auch nicht weniger, als ein gesundes neues Jahr zu wünschen wusste. Es mag ja auch einen Anflug von Lächerlichkeit besitzen, an gerade jene Besinnlichkeit zu erinnern, die uns im vom Tourismus durchtränkten Bergdorf zur Weihnacht gar nicht mehr möglich erscheint. Aber dass man jene Besinnlichkeit in der Person eines Totengräbers verkörpert findet, muss dem philosophischen Kopf doch als eine ironisches Stück Wahrheit gelten. Während nämlich andere verzweifelt versuchen, ihre eigenen existenziellen Löcher zu stopfen, verschaufelt der Totengräber ganz andere, weit tiefere Löcher und wirkt dabei auf erschreckende Weise erfüllt. Es mag freilich aber auch sein, dass dies an seiner steirischen, weniger dunklen Herkunft liegt. In jedem Fall aber ist klar, dass vielen Leuten gerade zur Weihnachtszeit ihre Existenzrechnung ganz und gar nicht aufgeht, auch wenn sich nur die Wenigsten in ihre persönlichen Glücksbilanzen schauen lassen. Nur zu gut, dass auch die Weihnachtszeit, wie alles andere, vorüber geht. An diese Vergänglichkeit muss man einen Totengräber freilich nicht erinnern. Da aber nicht jeder ein Totengräber sein kann, auch wenn er von jedem einmal gebraucht werden wird, muss gelegentlich, und ganz besonders zum Neujahr, auch einmal der Allgemeinheit ein memento mori verfasst werden.

Montag, 12. Dezember 2011

Der Holger meditiert. Ein philosophischer Rundgang.

In seiner Studierkammer eingeschlossen versinkt der Holger in sich selbst. Als studiosus philosophiae versucht er verzweifelt, etwas aus sich heraus zu quetschen, das er „da draußen“ noch nicht gefunden hat. Die Empirie sei letztlich zu nichts zu gebrauchen, denkt er schmunzelnd, um sich dann verneinend jenes ironisch gefärbte Nein um die eigenen Ohren zu hauen, dass ihm da sagt, dass genau genommen die Empirie nicht einmal für das Nichts zu gebrauchen sei, weil ja bekanntlich das Nichts nicht wieder etwas sein kann und so weiter und so fort. Parmenides für Anfänger. Das ist dem Holger nicht nur nicht geheuer, sondern vielmehr noch eine Ungeheuerlichkeit: dass ein alter Grieche eine Frage in die Weltgeschichte posaunt hat, die noch heute die Philosophen umhertreibt, kann sich ja nur um einen existenziellen Witz handeln. Schließlich, so Holger, könne es ja nicht angehen, dass das Abendland 2000 Jahre am Begriffskarussell gesessen ist, das sich ständig nur im Kreise dreht wie der empirische Kreisel, den wir Erde nennen. Dass die Philosophen auf ihren Ideen eher im Kreis geritten, als nach vorne gekommen, sind, ist dem Holger freilich schon klar. Aber dass die Geschichte als gesamte betrachtet jenem zweifelhaft-hündischem Vorhaben gleiche, dass da versucht, den eigenen Wedelschwanz zu erbeißen, kann letztlich doch als Zumutung aufgefasst werden, gegen die es anzudenken gilt. Aber auch hier lauert die all zu philosophische Gefahr: die geistigen Absichten drohen wie so oft die menschlichen Mittel zu sprengen. Schließlich hat es auch ein Stalin "gut gemeint".

Deshalb, um der philosophischen Absichten Willen, eine Flucht nach innen. Wenn draußen nur der Kreisel mit seinen Kreisen und die Bücher mit ihren Begriffen warten, muss einmal Einer so viel Mut aufbringen und nachschauen, was da drinnen alles wartet. Und so sitzt der Holger mit verrenkten Knien in seiner Studierkammer und meditiert. Schließlich müsse man offen sein. Wer etwas erschließen will, ja, wer etwas aufschließen und damit Aufschluss über etwas erlangen will, der muss zunächst einmal selbst aufgeschlossen sein, so der Holger zu sich selbst. Umgekehrt proportional zur Aufgeschlossenheit jedenfalls verhält sich die Holgersche Beweglichkeit, weshalb sein Lotossitz letzten Endes eher wie ein verunglückter Schneidersitz wirkt, den der Holger – etwas schummelnd – immer wieder mit den Händen nachbessern muss. Dazu blinzelt er heimlich – der echte Meditierende nämlich darf die Augen niemals öffnen, wenn er nach innen will (innen nämlich wartet für den echten Miditierenden erst das wahre Draußen, die Transzendenz) – und zerrt dann mit der rechten Hand am linken Fußgelenk et vice versa, weil ihm sonst sogar der Schneidersitz in eine Pose der Addukturendehnung abzugleiten droht: während des Meditierens nämlich geschieht es dem Holger, dass die zunächst übereinandergespreizten und angewinkelten Beine langsam aber sicher von der Körpermitte weg zur Peripherie gelangen, sodass irgendwann die Knie sich mehr und mehr durchstrecken und die Fußsohlen schließlich aufeinandertreffen, was dem Holger zwar angenehmer dünkt, aber zugleich auch der Meditation nicht zuträglich und überhaupt unangemessen zu sein scheint. Gelegentlich droht dabei sein Oberkörper umzukippen. Schließlich fehlt dem Holger nicht nur die Gelenkigkeit, sich der Meditation entsprechend hinzusetzen, sondern darüber hinaus auch die körperliche Fitness, um sich selbst in einer angemessenen Position zu halten. So ragt ihm letztlich doch die Empirie in sein Innen, welches nun das wahre Draußen hätte sein sollen, zurück. Eine wahrlich verwirrende Situation für den Holger, der daraufhin beschließt, erst einmal ein wenig Wasser zu trinken. Das ist nämlich einmal draußen und dann drinnen, zeige dementsprechend die richtige Richtung vor.

Während des Trinkens kommt Holger zu dem Schluss, dass zur Überwindung der Außenwelt erst einmal die Beherrschung derselben in Form von Körperbeherrschung nötig sei. Schließlich zeichne sich beispielsweise der Shaolinmönch durch eine ebenso gute körperliche wie mentale Selbstbeherrschung aus, was bei der Vielzahl an beherrschten Mönchen nicht dem Zufall zugeschoben werden könne. Darüber hinaus werde auch psychisch kranken Menschen der Sport, der durchaus als eine Art der Selbstbeherrschung betrachtet werden dürfe, empfohlen.
Insofern findet sich der Holger in einem Dilemma wieder: zur Überwindung der Empirie bedarf es der Flucht nach Innen, die erst erlaubt, wirklich hinaus – ins Transzendente – zu gelangen. Dafür aber braucht es zunächst die Beherrschung des Empirischen. Zumindest jener Teil des Empirischen, der man selbst ist – eben der Leib – muss bereits beherrscht werden, um überhaupt physisch in der Lage zu sein, seine Flucht nach innen antreten zu können. Dem Holger tut sich damit auf, was wir schon lange ahnen, nämlich dass er das Empirische so schnell nicht los werden wird: seinen Körper nämlich hat er noch nie beherrscht.

Während er über dieses komplizierte Verhältnis von innen und außen sinniert, starrt der Holger abwesend in sein Wasserglas hinein. So transparent wie das Wasser müsste man sein, denkt er. Gerne würde er sich selbst so durchschauen, wie er das Wasserglas durchschaut. Wenn er sich aber nach innen kehren will, sieht er zunächst schwarz und anschließend seine Füße, die nicht dort bleiben wollen, wohin er sie platziert hat. Und die sieht er streng genommen nur deshalb, weil er nicht mehr „innen“ ist.

Ein Zumutung, denkt er schneidersitzend in seinem Zimmer, dass nicht einmal seine eigenen Füße das machen, was er will. Zeit für Körperbeherrschung aber hat er jetzt nicht. Überhaupt könne man ja nicht alles auf einmal beherrschen und darüber hinaus stellt sich natürlich die berechtigte Frage, was seine Füße mit dem Sein als solchem zu tun haben sollen?

Letztlich entscheidet sich der Holger deshalb, jetzt einmal nichts zu denken und auch seine Füße in Ruhe zu lassen. Meditation, so sein Gedanke, gelinge ja nur, wenn man dabei nicht denke. Ob man beim Nichts-denken nun im Lotos-, Schneider- oder Dehnungssitz sitze, kann so wichtig schließlich auch nicht sein. Nur nicht denken. Oder Nichts denken? Nicht jedenfalls nicht Nichts denken, das wäre nämlich schon wieder etwas denken. Und das wiederum wäre, was er dauernd macht, der Holger.

Draußen vor dem Fenster bellt ein Hund. Der Holger, der im Nachhinein nicht mehr in der Lage war, sich über den Inhalt seines Denkens, das er während des Meditierens ja gar nicht denken wollte, Klarheit zu verschaffen – hat er nun nicht gedacht, oder hatte er nichts gedacht oder hatte er das Nichts gedacht und sei es, angenommen er hatte nichts oder das Nichts gedacht, nicht so, dass es in diesem Denkungsakt selbst schon wieder zu einem etwas geworden war – wird durch dieses Bellen jedenfalls aus seinen Meditationen gerissen. Ebenso stolz wie krummbuckelig erhebt sich der nun etwas verspannte Holger aus seinem Inneren, in dem er doch einige Minuten verharrt war. Eine solche Reise werde er, sagt er sich, wieder einmal antreten. Noch immer aber bellt vor seinem Fenster ein Hund, weshalb sich der Holger der Empirie wieder zuwendet. Vielleicht, so sein Gedanke angesichts dieses tatsächlich etwas hsyterischen Bellens, werde der Hund von jemandem gequält. Während der Holger dem Fenster immer näher kommt, wird das Gebell immer lauter und lauter. Schließlich erblickt der Holger einen kleinen Dackel, der wie verrückt im Kreis rennt und versucht, sich in den Schwanz zu beißen. Der Holger bricht daraufhin in schallendes Gelächter aus. Dieser dumme Hund quäle sich ja doch nur selber, denkt er sich, der Holger, und marschiert wieder zurück auf seinen Meditationslaminatboden.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Das Schöne der Kontingenz

Ich erinnere mich noch an einen Moment in meinem Leben, der mich seinerzeit verstörte. Eine gute Freundin gab mir eine gebrannte CD, sozusagen die moderne Version von Mixtapes in einer vormodernen Zeit ohne Apple, IPod und Youtube. ich war damals wohl 16 oder 17 Jahre alt und der Meinung, schon längst mit allen Wassern gewaschen zu sein. Schließlich konnte ich mich aufraffen, diese CD anzuhören. Am Ende derselben war ich verstört: dass eine solche Musik überhaupt existierte, ja dass es überhaupt möglich war, solche Musik zu schreiben, hatte ich bis dahin nicht gewusst. Diese CD hat mir, philosophisch gesprochen, eine ganze, bis dahin unbekannte, Welt eröffnet. Diese so radikal neue, andere Musik - die freilich so anders dann auch wieder nicht war - hatte mich begeistert und neugierig gemacht: vielleicht, so dachte ich, gibt es in dieser neuen Welt noch andere, unbekannte Großartigkeiten, die ich gar nicht kenne, und tatsächlich: es gab und gibt sie.

Heute stehe ich am Schlickplatz, vor mir raucht ein Türke aus dem Fenster hinaus. Ein kleiner Junge, wie ich wartet er auf die Straßenbahn, wirft seine Handschuhe demonstrativ auf den Boden: er protestiert. Seine Mutter schimpft, muss aber, da der Junge ein gewisses schauspielerisches Talent an den Tag legt, selber lachen und klaubt letztendlich die Handschuhe des Jungen auf.
In meinem Schuffle beginnen plötzlich die ersten paar Akkorde jenes Liedes, das mich damals - ich erinnere mich noch sehr genau an diese CD - so sehr faszinierte. Eine verrauchte Stimme beginnt zu singen: "Ich bin jetzt immer da wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst..."
Ich denke zurück an die Zeit, in der mir diese ganze Welt noch neu war, in die ich nun hineingewachsen bin - mehr vielleicht, als es mir lieb ist. Diese ganze Welt der Kultur hing bei mir an jenem Schlüsselerlebnis, das mir zeigte, dass Musik nicht bloß Unterhaltung, Sprache nicht bloß Unterredung ist und sein kann, sondern dass es Kunst tatsächlich gibt. Ich habe mit diesen Liedern das erste Mal verstanden, dass Kunst nicht bloß etwas ist, das irgendwelche Menschen als "Kunst" deklarieren, sondern dass es gelegentlich, vielleicht auch nur selten, wirklich einen qualitativen Unterschied gibt zwischen Musik und Musik, zwischen Sprache und Sprache. Diesen qualitativen Unterschied zu fassen, versuchen die, die sich in diese Welt eingenistet haben, schon lange. Der große Kant hat uns eine ganze Kritik über ihn geschrieben, aber fassen können wir ihn immer noch nicht.
Das ist aber auch gar nicht nötig. In dem Moment nämlich, in dem ich dieses Lied höre, entsinne ich mich wieder meinem Schlüsselerlebnis und bemerke die Welt in der Welt, die ich vorhin gar nicht kannte: wie alles im Leben wird einem auch die Existenz von Großartigem zur Selbstverständlichkeit, wenn es zur Gewohnheit wird.
Letzten Endes ist nämlich gerade diese Welt der Kultur und des Geistes ein großes Rätsel. In der fortschreitenden Suche nach Wissen und Erkenntnis entdecken wir immer mehr die Kontingenz unseres Daseins und der Welt überhaupt. Dass alles, was ist, genau so gut nicht sein könnte, empfinden wir für gewöhnlich als empörend. Diese Kontingenz, die Erfahrung, als sinnloses Zufallsprodukt der Evolution auf einer Kugel ewiggleiche Kreise durch das Nichts zu ziehen, erschüttert geradezu unseren Stolz, halten wir uns doch insgeheim für das Zentrum des Universums - sogar den Schöpfer, der das alles erschaffen (oder erschöpft?) haben soll, haben wir uns ins Herz gedichtet, ein Teil von unserer Seele soll er sein.
Aber dieses Eindreschen auf die Kontingenz übersieht das Schöne der Kontingenz, den Umstand nämlich, dass es solche Welten in der Welt überhaupt gibt, dass jemand in der Lage ist, Lieder zu schreiben beispielsweise, die uns noch nach Jahren beglücken. Warum das so ist werden wir wohl nicht herausfinden - wir werden es uns auch nicht, wie Büchner einmal schreibt, aus dem Leib herausbrechen - aber dass es so ist, obwohl es genau so gut nicht sein könnte, ist letztlich ein Wunder, unbegreiflich zwar, aber gerade deswegen nicht minder, sondern umso mehr, erfreulich.

Montag, 5. Dezember 2011

Empört euch! Vom Scheitern der Kritik.

Die Studenten diskutieren schon wieder. Es wird, vielleicht ganz im Sinne Nietzsches, der "Wert der Bildung" hinterfragt. Die jungen Leute sitzen auf schäbigen roten Sofas im sogenannten Philo-Kammerl, in das ich mich nur wage, weil montags dort Gratiskaffee mit Gratissemmeln ausgeteilt wird, und diskutieren, inwiefern Bildung einen Wert an sich darstelle. Sonderlich spannend sind die Positionen, die ich nicht ganz unvoyeuristisch herauslausche, nicht. Eine Linksfraktion, entweder auf kommunistisch-alternativ, oder aber auf existenziell-humanistisch, beklagt die Unmündigkeit der Gesellschaft, die aus der "Bildungsproduktion" und der "Ware Wissen" resultiere. Der Anführer der Linksfraktion - seine grüne Cordhose, der schwarze Rollkragenpulli und die runde Hornbrille erinnern an Sartre - erklärt, dass auf diese Weise die Universität keinen Freiraum und damit keine gedankliche Innovation mehr erlaube, sondern im Gegenteil den Menschen in bestimmte Denkmuster und -richtungen dränge.
Ein anderer Student erklärt, dass dies zwar stimme, dass aber, ohne damit die Kritik seines Vorredners unterminieren zu wollen, noch viel schlimmer sei, dass das Niveau selbst, die Qualität der Bildung also, für den Hund sei. Das Philosophiestudium sei nicht viel mehr als ein oberflächliches Mittel, um die Neugierde junger Menschen zu befriedigen, allerdings schon lange nicht mehr geeignet, wirkliche Erkenntnis zu fördern. Pathetisch und vermutlich auch unbewusst blickt der nicht mehr ganz junge Student dabei zur Decke. Bald bemerkt er die Lächerlichkeit seiner Pose und blickt daraufhin, etwas beschämt, auf den Boden.
Auch weitere Freidenker fühlen sich zur Kommentierung berufen. Sie erkennen die Korrumpierung des Aufklärungsideals, die machtideologische Aushöhlung des Bildungswesens und vieles mehr. Gemeinsam ist ihnen eines: die Empörung. Ein Haufen junger Menschen, scheinbar in den besten Jahren, sitzt auf billigen, staubigen Sofas, schlürfen billigen Kaffee und empören sich. Ihre Empörung schaukelt sich dabei in ungeahnte Höhen, so empört sind die Leute, dass ihnen die Wörter aus dem Mund herausplatzen. Ob sich dabei noch zugehört wird, weiß ich nicht, vielleicht, so denke ist, handelt es sich um eine Selbsthilfegruppe: Therapeutisches Sprechen für manisch Gehörlose - nicht solche, die nichts hören, sondern solche, die kein Gehör finden. Therapeutisches Sprechen für solche, die viel auf der Leber haben aber keine Ventile, für Leute, die der Welt etwas sagen möchten, wofür die Welt noch nicht bereit ist. Jedenfalls scheint niemand in der Gruppe dem Zuhören zugeneigt zu sein - jedenfalls wird hier dem Empören ein Primat gegenüber dem Empören-Hören eingeräumt, vermutlich, weil jeder glaubt, sich noch viel besser aufregen zu können, wie der andere, weil jeder glaubt, den ultimativen Empörungsgrund gefunden zu haben, und - soviel ist klar - wer einmal den absoluten Empörungsgrund gefunden hat, muss diesen auch mitteilen. Möglichst abgeklärt muss er die Welt aufklären.
Mir jedenfalls wird diese Szene langweilig und unangenehm. Mit so viel Empörung bereits am Morgen konfrontiert zu werden, denke ich, schadet meinem ohnehin empfindlichen Magen, mehr noch als der ranzige Kaffee. Ich wechsle deshalb das Institut und wandere aufs Juridicum. Auch dort,sagt man, gibt es etwas gratis: eine schlechte Ausbildung.
Bereits vor dem Glaskasten höre ich einen Raucher die mangelnde Qualität dieses Studiums verfluchen. Er habe bei seinem Prkatikum im Sommer nicht einmal den Schriftverkehr ohne Hilfe der Sekretärin - diese habe nicht einmal Matura gemacht - abwickeln können. Dass er womöglich einfach zu blöd dafür war, kommt ihm nicht in den Sinn. Schließlich studiert er Jus im 3. Semester und ist damit unfassbar intelligent. Sein Gegenüber bringt ihn auch nicht auf die Idee der Eigenverantwortlichkeit: das Juridicum sei heutzutage wirklich nicht mehr imstande, international angemessenes Know-How zu vermitteln. Die Ausbildung zum Juristen in Wien sei überhaupt nichts mehr wert!
Während sich die einen den Kopf über den Wert der Bildung an sich zerbrechen, stellen die anderen fest, dass die angebotene Ausbildung nichts mehr wert sei. Alle aber teilen sich ihre Empörung. Tatsächlich scheint die Universität Wien der schlimmste denkbare Ort, die schlechteste aller möglichen Welten, zu sein. Etwas Tragischeres, als seine Studientage in Wien fristen zu müssen, ist offenbar gar nicht denkbar. Dabei bemerke ich, während ich weitergehe, dass offensichtliche auch die Studentenschaft sich immer nur zum Schlechteren weiter - oder besser vielleicht: zurück - entwickelt: ein Professor, ein mir nicht unbekannter Rechtsphilosoph obendrein, erklärt seinem Assistenten, dass die Unwissenheit und Unbildung der von der Schule kommenden Studenten ein bisher unbekanntes Ausmaß angenommen habe. Er sei von Bildungspolitik ebenso maßlos enttäuscht wie von unengagierten Eltern, am meisten aber doch von ignoranten und desinteressierten Studenten selbst: jegliche Eigeninitiative fehle diesen, es sei - raten sie mal - empörend!
Es ergibt sich also, dass der schlechtesten aller Welten noch schlechtere Zeiten bevorstehen, dass der Gang der Gechichte letztlich doch ein Untergang ist, das also es endlich einmal an der Zeit ist, sich ordentlich zu empören.
Dieses oder ähnliches muss sich auch ein gewisser Franzose gedacht haben, der uns auffordert, uns gefälligst einmal ordentlich zu empören. Wien jedenfalls hätte er damit verschonen können. Die allgemeine Empörung hat ein nahezu unerträgliches Maß angenommen und bringt darüber hinaus in ein philosophisches Dilemma: wie begegnet man solcher Empörungswut außer eben, sie ahnen es, mit seinerseitigem Empören über jene, die sich nur empören. Ein Projekt, das somit von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, geht auf beschämend vergebliche Weise zu Ende.
Vielleicht hätte besagter Franzose besser ein Buch namens "Schämt euch!" oder "Beschämt euch!" geschrieben. Tatsache ist nämlich, dass die Empörung immer voraussetzt, dass einem die Uni, die Mitmenschen oder die Welt überhaupt dazu bringt, berechtigterweise wütend zu sein. Die Scham hingegen setzt ein Mindestmaß an Eigenverantwortung voraus. Deshalb ist die Empörung, strenggenommen, ein angenehmes Gefühl, sofern man sich Luft machen kann, nicht aber die Scham. Präzise betrachtet ist der Empörte in einer Opferrolle - er ist das Opfer seiner Umwelt -, wohingegen der Sich-schämende in eine Täterrolle gegen sich selbst schlüpft, sich selbst sabotiert und sich dafür schämt. Vielleicht sollte ich mich gerade deshalb schämen, anstatt mich hier weiter zu empören...

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Staubkorn - 19. Apr, 18:37
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ledsgo - 18. Apr, 18:00
Sehr schön Lederer!;)
Staubkorn - 11. Feb, 10:29
Zeitlebens
Tage prallen aneinander wie Regentropfen sanft und...
ledsgo - 8. Feb, 12:24
Mortalphilosophie *g*
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Staubkorn - 29. Jan, 15:35

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